Neue Liebe, neues Leben
Herz, mein Herz, was soll das geben?
Was bedränge dich so sehr?
Welch ein fremdes, neues Leben!
Ich erkenne dich nicht mehr.
Weg ist alles, was du liebtest,
Weg, warum du dich betrübtest,
Weg dein Fleiß und deine Ruh -
Ach, wie kamst du nur dazu!
Fesselt dich die Jugendblüte,
Diese liebliche Gestalt,
Dieser Blick voll Treu' und Güte,
mit unendlicher Gewalt?
Will ich rasch mich ihr entziehen,
Mich ermannen, ihr entfliehen,
Führet mich im Augenblick,
Ach! mein Weg zu ihr zurück.
Und an diesem Zauberfädchen,
Das sich nicht zerreißen läßt,
hält das liebe, lose Mädchen
Mich so wider Willen fest;
Muß in ihrem Zauberkreise
Leben nun auf dieser Weise.
Die Veränderung, ach, wie groß!
Liebe! Liebe! laß mich los!
(Johann Wolfgang von Goethe)
* * * * *
Die schöne Nacht
Nun verlass' ich diese Hütte,
Meiner Liebsten Aufenthalt,
Wandle mit verhülltem Schritte
Durch den öden, finstern Wald.
Luna bricht durch Busch und eichen,
Zephir meldet ihren Lauf,
Und die Birken streun mit Neigen
Ihr den süßten Weihrauch auf.
Wie ergötz' ich mich im Kühlen
Dieser schönen Sommernacht!
O wie still ist hier zu fühlen,
Was die Seele glücklich macht!
Lässt sich kaum die Wonne fassen;
Und doch wollt' ich, Himmel, Dir
Tausend solcher Nächte lassen,
Gäbt mein Mädchen eine mir.
(Johann Wolfgang von Goethe)
Brief an die Mutter
Bist du noch am Leben, gute Alte?
Auch ich lebe noch. Sei mir gegrüßt!
Dass sich über deiner kleinen Kate
Stets am Abend jenes Licht ergießt!
Schreiben mir, dass du in siecher Sorge
Über mich in tiefen Kummer fällst,
Dass du auf und abläufst oft im Dorfe
Im verblichnen, abgetragnen Pelz.
Und im abendlichen, blauen Dunkel
Siehst du ein ums andre Mal nur wie
Mir bei Schlägereien in Spelunken
's Messer unter's Herz gestoßen wird.
Lass doch, traute Mutter, solche Gräuel,
Die bedrückend dir vor Augen stehn;
Bin noch nicht so'n abgehärmter Säufer,
Dass ich stürbe, ohne dich zu sehn.
Zärtlich bin ich noch, genau wie früher,
Und ich denk mir ständig Wege aus,
Wie ich aus der rauen Schwermut wieder
Heimkehrn kann in unser enges Haus.
Werde kommen, wenn der weiße Garten
Frühlingshaft die Zweige von sich streckt.
Doch dann weck mich nicht wie vor acht Jahren,
Als du mich früh morgens schon geweckt.
Das, was ausgeträumt ist, lass es ruhen,
Rühre nicht an das, was längst entschwand,–
Allzu früh hab ich vergebne Mühen
Und Verlust erfahren und gekannt.
Und belehr mich nicht, ich solle beten!
Sinnlos! Dorthin führt kein Weg zurück.
Du nur bist mein Schutz und Trost in Nöten,
Du nur bist mein abendliches Licht.
Lass es doch, dass du in siecher Sorge
Über mich in tiefen Kummer fällst.
Lauf nicht auf und ab so oft im Dorfe
Im verblichnen, abgetragnen Pelz.
(Sergej Esenin)
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